Geistliche Impulse

Der Hörende – Josef von Nazareth

von David F. Sonntag, Pastor am Dom (November 2017)

Als ich Kind war, da empfand ich Warten auf Besuch immer als etwas ganz Besonderes. Wenn Tanten und Onkel erwartet wurden, dann wurde immer alles besonders vorbereitet. Die Mutter kochte stundenlang ein gutes Mahl, wir Kinder deckten den Tisch voller Spannung und schließlich warteten wir alle sehnsüchtig darauf, dass die Haustürklingel schellte und wir unsere lieben Verwandten nach langem wieder in die Arme schließen konnten.

Der Advent ist eine Zeit des Wartens. Schon sein lateinischer Name Advent – von „Adventus“ – Ankunft deutet darauf hin: Wir warten auf hohen Besuch und bereiten uns darauf vor, innerlich und äußerlich. Wenn auch oft heute das Äußerliche überwiegt, so mancher Konsum sich vielleicht zu stark in den Vordergrund schiebt, so ist auch eine geistliche Vorbereitung wichtig. Dazu gehört auch das Hören, Zuhören!

Für diesen Aspekt des Advents steht Josef, der Verlobte Marias. Die Bibelwissenschaftler streiten darüber, was für ein Mann er gewesen sei. Viel wissen wir nicht über ihn und auch im Zeugnis der vier Evangelien tritt Josef nur zurückhaltend auf: er hat in allen Evangelien nichts zu sagen. Die Heilige Schrift bezeichnet ihn aber als gerecht. Er hatte sich mit Maria verlobt, erfuhr aber, dass sie schwanger war. Jeder andere Mann hätte leicht daraus einen Skandal gemacht und die pikante Sache an die große Glocke gehängt. Josef aber ist im Herzen mild.

So beschließt er ganz im Stillen, sich von Maria zu trennen (zu finden in Lk1, 18-25). Schon hier kommt ein grundsätzlicher Wesenszug dieses Josef zum Tragen: er ist im eigentlichen Sinne demütig, zurückhaltend. Vermutlich war er kein Machotyp, niemand, der sich schnell in seiner Männlichkeit getroffen gefühlt hätte und lautstark polternd jeden davon überzeugen müsste, dass er ein ganzer Kerl sei. Josef ist eher sanft, ein stiller Typ, vielleicht sogar etwas passiv, ohne devot zu sein. Vor allem aber ist er Hörender, jemand, der in sich horcht und in den Bewegungen der eigenen Seele Gottes Ruf lauschen will. So erfährt er, im intimsten Bereich des menschlichen Bewusstseins, im Traum, was es mit der Schwangerschaft seiner Verlobten auf sich hat. Es scheint, als ob diese Erkenntnis, so tief diese Wahrheit ist, nicht wie ein Scheinwerferlicht ihm plötzlich und grell bewusst war. Vielmehr ist es ein Prozess des Durchdringens, des Horchens und Fühlens in sich hinein, so dass er zu der Erkenntnis gelangt, dass dieses Kind der Sohn Gottes sein wird.

Dieses Hineintröpfeln von Einsicht ist typisch: tiefe Wahrheiten brauchen Zeit, um langsam in die Seele zu gelangen, um in der Seele Gestalt anzunehmen und erfühlt und durchfühlt zu werden. Dass das Kind nun einmal nicht vom ihm sein würde, muss für Josef eine doppelte Bürde gewesen sein. Einerseits lebte er in der patriarchalen Gesellschaft, in der der Wert der eigenen Männlichkeit und Nachkommenschaft an oberster Stelle stand. Andererseits war ihm seine Herkunft, so verschüttet sie über die Jahrhunderte und wechselvolle Geschichte des Volkes Israel vielleicht war, noch bewusst: Josef stammte aus königlichem Geschlecht, aus dem Haus König Davids (wie uns die Stammbäume Jesu vor Augen stellen: Mt 1 und Lk 3). Mächtige Herrscher, mutige Krieger, große Männer waren seine Vorfahren gewesen.

Es muss ein Schmerz für ihn gewesen sein, so armselig und wenig royal sein eigenes Dasein als Handwerker war, dass er, als letztes Glied dieser langen Kette nicht einmal dazu fähig war, selbst einen Erben in die Welt zu setzen. Josef aber trug und ertrug diese Bürde: er nahm die Aufgabe an, den Sohn Gottes, der nun Mensch werden würde, aufzuziehen. Vermutlich tritt uns mit diesem Josef von Nazareth ein erstes Zeugnis für eine Berufung Gottes im Neuen Testament entgegen. Berufung bedeutet, eine Aufgabe von Herzen anzunehmen, auch wenn sie schwer und unangenehm ist, wenn sie viel von mir verlangt und ich sie dennoch trage: weil ich in ihr Auftrag Gottes und Liebeszeugnis ihm und den Menschen gegenüber erkenne. Diese Definition von Berufung trifft wahrlich auf Josef zu.

Die adventliche Gestalt Josefs kann uns in der Vorbereitung auf Weihnachten ein Vorbild sein. So still, demütig und mild er erscheint, materialisiert sich in ihm doch ein Fragezeichen. Es ist die Frage: sind wir noch wirklich Hörende? Oder überhören wir vieles, was von außen an uns dringt, von dem vieles weiß Gott unwichtig ist und nur so weniges wirklich für uns relevant ist? Hören wir noch in uns selbst hinein und erforschen wir in uns die Wendungen und Bewegungen der eigenen Seele? Glauben wir daran, dass Gott in uns zu uns spricht: dass er letztlich auch in uns Mensch werden möchte?

Ich wünsche Ihnen für diese Adventszeit, dass sie sich am Heiligen Josef ein Beispiel nehmen können. Dass Sie neu zuhören, in sich selbst lauschen können. Dass Sie Gottes Stimme im Sprechen Ihrer Seele vernehmen können. Der Advent kann, bei allem Trubel, eine Zeit dafür sein. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent!

 

Nachts im Domschatz

von Sebastian Schulz, Pastor am Dom (Juni 2017)

Vor gut zehn Jahren lief in den Kinos der Film „Nachts im Museum". Die Idee ist schnell erzählt. Der Tagträumer Larry wird Nachtwächter im Naturhistorischen Museum. Schon seine erste Schicht verläuft völlig anders als erwartet: Die Exponate der Ausstellung erwachen zum Leben. Im Museum ist plötzlich ein buntes Treiben von Neandertalern, alten Mayas, römischen Gladiatoren und Cowboys. Auch das Gerippe des Tyrannosaurus Rex wird wieder lebendig ...

Bei meinem Besuch im neuen Mindener Domschatz musste ich an diesen Film denken und fragte mich einen Moment lang: Was wäre, wenn all die ehrwürdigen Exponate des Domschatzes plötzlich reden könnten oder gar lebendig würden?

Was würden sie wohl erzählen? Wovon würden sie berichten? - Vielleicht würden sie von den Umständen erzählen, unter denen sie entstanden sind. Vielleicht würden sie die Glaubenswahrheiten bekräftigen, welche Anlass gegeben haben, sie entstehen zu lassen.

Vielleicht würden sie schildern, was sie in den Jahrhunderten miterlebt haben. Darunter auch jener Tag im März 1945, an dem sie sich im Mindener Dom versteckt aufgehalten haben und wie durch ein Wunder vor der Zerstörung bewahrt worden sind - trotz der enormen Hitze um sie herum ...

Ich frage mich, wie es wäre, vor dem Mindener Kreuz zu stehen, auf den Gekreuzigten zu schauen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Gewiss: Dieses Reden würde wohl zum Gebet werden ...

All diese Gedanken sind bloße Fantasie, Tagträumerei, überhaupt nicht realistisch. Aber je mehr ich darüber nachdenke, muss ich sagen: Es bleibt doch eine wahre Aussage zurück: Christliche Kunst will mit uns in Kontakt treten. Die Figuren, Reliquiare, Kreuze, Bücher, Gewänder aus längst vergangenen Zeiten möchten uns heute ansprechen, uns von der frohen Botschaft des Glaubens künden. Nicht zuletzt möchten sie uns und unseren Glauben herausfordern.

Die Architektur der neuen Domschatzkammer möchte uns dazu einladen und ermuntern. Nicht umsonst sind die Fenster an der Hauptfassade so gestaltet, dass jeder, der über den Kleinen Domhof geht, einige der Exponate sehen kann - oder von ihnen gesehen wird.

Der Domschatz will mit der Außenwelt in Kontakt treten. Er will mit allen kommunizieren: mit dem Kunstinteressierten, der ihn besucht; mit dem Touristen, der nur kurz in der Stadt ist; mit dem Mindener, der auf dem Kleinen Domhof unterwegs ist zum Shoppen oder zum Arbeiten, und selbst mit dem Ahnungslosen, der sich mit dem christlichen Glauben und der christlichen Kunst nicht auseinandergesetzt hat.

Auch mit Ihnen und mit mir will er auf seine ihm eigene Art und Weise kommunizieren. Ich kann Sie nur ermuntern und bestärken, seine Einladung anzunehmen. Oder wie es der große Picasso einmal gesagt hat: „Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet."

 

Auf das Innere kommt es an

von Sebastian Schulz, Pastor am Dom (November 2016)

In einer Bücherkiste im Eingangsbereich einer Buchhandlung fand ich kürzlich einen Roman, den ich schon immer einmal lesen wollte. Der Preis des Buches war unschlagbar günstig. Ich hatte also keinen Grund, dieses Buch nicht zu kaufen. Erst zu Hause entdeckte ich den großen Stempel auf der Unterseite dieses Buches. Da stand gut leserlich aufgedruckt: „Mängelexemplar“. Dabei schienen mir Druck, Einband und Umschlag völlig in Ordnung zu sein. Meines Erachtens war der einzige Mangel dieses Exemplars der Stempelaufdruck „Mängelexemplar“. Trotzdem war ich irgendwie über dieses Buch enttäuscht. Die Freude über dieses „Schnäppchen“ war verflogen.

Vom Äußeren auf den Inhalt schließen - das kenne ich nicht nur bei Büchern. Wenn mir ein Mensch gegenübertritt, sehe ich seine körperliche Erscheinung: Mir fällt seine Statur auf. Ich achte auf seine Haltung, auf seine Kleidung und auf die Art und Weise, wie er sich gibt. Ich bin davon überwältigt, beeindruckt, bleibe unberührt oder werde abgestoßen.

Nur ein Blick, ein erster Eindruck - und ein erstes Bild von diesem Menschen ist fertig: Ich finde ihn sympathisch und neige dazu, ihm etwas zuzutrauen. Oder ich wende mich ab. Ich weiß, dass ich selbst in derselben Weise taxiert werde.

Bei Begegnungen und tieferen Gesprächen als Seelsorger wird mir aber nicht selten bewusst, dass das Äußere meines Gegenübers nur Fassade ist. Innerlich, seelisch sieht es da oft ganz anders aus. Das, was vor Augen ist, was ich von meinem Gegenüber äußerlich sehe, beeinflusst mich sehr, es wird dem anderen aber oft nicht gerecht.

Diese Erfahrung hat auch Samuel machen müssen im Alten Testament der Bibel (1 Sam 16): Gott sendet den Propheten zu einem gewissen Isai in Bethlehem. Gott hat einen seiner Söhne als König für Israel ausersehen.

Als Samuel nun einen Sohn des Isai namens Eliab sieht, ist er so angetan von ihm, dass er meint, das sei der von Gott Erwählte. Doch da greift Gott selbst ein und korrigiert Samuels Einschätzung mit den Worten: „Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16,7).

Während Isai insgesamt sieben Söhne vor Samuel treten lässt, kommt Samuel zu dem Ergebnis: Diese hat der Herr alle nicht erwählt. Erst auf eine Rückfrage des Samuel, ob das alle seine Söhne seien, muss Isai gestehen, dass der Jüngste noch fehlt, da er gerade die Schafe hütet. Samuel lässt David herbeiholen, und unverzüglich sagt Gott: „Auf, salbe ihn! Denn er ist es.“ Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.

Samuel musste lernen: Das Aussehen, der äußere Schein, ist nicht das Auswahlkriterium Gottes. Bei Gott gelten andere Maßstäbe. Er lässt sich nicht vom äußeren Schein blenden.

Er schaut hinter die Fassaden. Er kennt die Gedanken, die Gefühle, die Beweggründe und innersten Regungen. Ihm kann und braucht niemand etwas vorzuspielen. Nicht das Äußere, sondern die innere Einstellung und die inneren Werte sind entscheidend.

Der Philosoph Arnold Gehlen hat einmal den Menschen als „Mängelwesen“ in der Natur bezeichnet, weil er im Vergleich zur Tierwelt nur ein schwacher Läufer, ein erbärmlicher Springer, ein schlechter Kletterer und miserabler Schwimmer ist. Und wenn wir uns persönlich mit anderen vergleichen, dann sehen wir deutlich unsere Schwächen, jeder ist ein Mängelexemplar. Von außen gesehen.

Als ich angefangen habe, meinen „Mängelexemplar-Roman“ zu lesen, mich in die Erzählung hineinzubegeben, da wurde der Inhalt wichtiger als der „äußere Stempel“.

Wenn wir Menschen kennenlernen, ihre Gedanken und Gefühle, dann verlieren die äußeren Einteilungen ebenfalls an Bedeutung. Das gilt auch im Umgang mit mir selbst. Wenn ich das Buch meines Lebens aufschlage und mich aufmerksam hineinvertiefe, dann werden die Stempel, die andere mir aufdrücken, weniger wichtig. Auf das Innere kommt es an, und das allein zählt.

Bei meinem Roman hat mich im Nachhinein nicht so sehr der äußere Stempelaufdruck geärgert, sondern meine Reaktion darauf. „Wenn da irgendwer ,Mängelexemplar‘ draufstempelt, muss ja wohl auch etwas daran mangelhaft sein“, dachte ich. Dabei ist es besser auf den Inhalt zu schauen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Denn das Wesentliche ist innen, und auf das hat Gott sein besonderes Augenmerk. Das ist wirklich gut so!

 

Ein geistlicher Impuls zum Jahr der Barmherzigkeit

von Sebastian Schulz, Pastor am Dom (Juni 2016)

Bei einem Spaziergang an der Weser setze ich mich auf eine Bank, um mich auszuruhen. Da entdecke ich einen scheinbar „herrenlosen“ Hund, der es sich in der Sonne am Wegesrand gemütlich gemacht hat. Er liegt einfach da, sieht so aus, als wäre er dort gestrandet. Der Hund wird in der kurzen Zeit, in der ich dort verweile, von vielen Menschen, die an ihm vorbeikommen gestreichelt, angesprochen. Ein Mann, der seinen Hund an der Leine führt, gibt ihm sogar ein „Leckerli".

Ich werde dort auf meiner Bank sehr nachdenklich und frage mich: „Hätte an der Stelle des Hundes ein „gestrandeter Mensch“ gelegen, hätten die Vorbeikommenden dann auch so freundlich und wohlwollend reagiert, oder hätten die meisten von ihnen einen weiten Bogen gemacht?

Dieser Gedanke ist gar nicht so realitätsfern. In unserer Welt zählt ein Menschenleben nicht viel. Ich denke an die Billigprodukte der Textilindustrie, die von weit unterbezahlten Frauen in Bangladesch hergestellt werden. Mir fallen die vielen Kinder ein, die bis zur Erschöpfung zur Arbeit gezwungen werden. Die Flüchtlinge, die auf lebensgefährlichen Wegen ihr Heil in Europa suchen. Wie ist es mit dem Schutz des menschlichen Lebens vor der Geburt oder am Ende des Lebens? Wer fragt nach den Opfern der Kriege, die um Bodenschätze und Öl, um Handelswege geführt werden?

Die Not in der Welt hat Papst Franziskus ins Herz getroffen, und dieser Papst will die Menschen aufrütteln: „Seht doch hin! - Und nehmt das nicht hin!"

Darum hat er das Jahr der Barmherzigkeit" ausgerufen. Ein Jubeljahr wie dieses gibt es eigentlich nur alle 25 Jahre. Das letzte wurde im Jahr 2000 gefeiert. Wir sind also eigentlich viel zu früh dran.

Doch der scheinbar verfrühte Termin ist ein Hinweis dafür, für wie wichtig es dieser Papst hält, die Botschaft von der Notwendigkeit der Barmherzigkeit zu verbreiten.

Barmherzigkeit ist der „rote Faden", der sich durch das Evangelium zieht. Wie oft hat Jesus in Gleichnissen das Erbarmen Gottes verkündet? Wie oft gepredigt, dass gewiss die Barmherzigen auch Barmherzigkeit erfahren?

Aus Liebe hat Jesus sein Leben am Kreuz hingegeben, damit wir Zukunft haben und es für uns Hoffnung gibt. Aus Erbarmen hat Gott im Sterben seines Sohnes für uns die Tür ins ewige Leben geöffnet.

Jesus versteht Barmherzigkeit nicht nur als „menschenfreundliche Grundeinstellung", Jesus geht viel weiter! Er identifiziert sich selbst mit den Armen: den Hungernden und Dürstenden; mit denen, die aus der Fremde kommen, und mit denen, die alles verloren haben; mit den Kranken und den Weggesperrten. Jesus sagt: „Was ihr für einen dieser geschlagenen und geschundenen Menschen getan habt, das habt ihr mir getan - oder mir eben nicht getan" (vgl. Mt 25,31-46).

Wie Jesus „Barmherzigkeit" versteht, macht er auf eindrucksvolle Weise im Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“ deutlich (Lk 10,25-37). Dieser Fremde, der der verachteten Volksgruppe der Samaritaner angehört, fragt nicht, wer da zusammengeschlagen und ausgeraubt am Straßenrand liegt, ob es Freund oder Feind ist. Er kümmert sich um ihn, als wäre es sein Bruder.

Wie Jesus „Barmherzigkeit" versteht, macht er auch nicht minder eindrucksvoll im Beispiel vom „barmherzigen Vater" deutlich (Lk 15,11-32).

Dieser Vater rechnet dem verlorenen Sohn nicht die Fehler der Vergangenheit auf, er macht ihm keine Vorwürfe und hält ihm keine Standpauke. Er überlegt auch nicht, wie er dem älteren Sohn schonend beibringen könnte, dass der „Taugenichts“ nun wieder zum Haus halt gehört ... Er heißt den wiedergefundenen Sohn einfach herzlich willkommen. Dieser Vater handelt großzügig in verschwenderischer Liebe.

Beim Thema Barmherzigkeit gibt es in der Bibel keine Ausflüchte ins Spirituelle. Da geht es nicht nur um eine fromme Übung, die man nach der Fastenzeit getrost wieder vergessen kann. Es geht um die grundsätzliche und sehr konkrete Bereitschaft, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sie so zu behandeln wie einen guten Freund. Den Nächsten zu lieben wie sich selbst (Mt 22,39)!

So hat auch Jesus gehandelt. Er hat sich ohne Berührungsängste mit Sündern an einen Tisch gesetzt. Er hat die Kranken nicht auf morgen vertröstet, sondern sie sogar am heiligen Sabbat geheilt. Er hat den Menschen Mut gemacht, nach bestem Wissen und Gewissen Gutes zu tun und im Übrigen auf Gottes Erbarmen zu vertrauen.

Diese Botschaft rückt Papst Franziskus neu in den Mittelpunkt. Es ist kein Spleen von ihm, wenn er auf dem Petersplatz seinen gesicherten Wagen verlässt, um einen Menschen zu küssen, der von der Elefantenkrankheit entstellt ist. Er tut das „zu Christi Gedächtnis“.

Es ist nicht bloß eine Marotte, wenn der Papst zum Mittagessen in der Kantine des Vatikans auftaucht und sich zu den Angestellten an den Tisch setzt. Er tut das „zu Christi Gedächtnis“.

Es ist nicht „Wichtigtuerei“, dass Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat. Er hat das getan, damit wir nicht vergessen, wie aufmerksam und verständnisvoll Christus mit uns Menschen umgegangen ist. Barmherzigkeit ist immer sehr konkret.

Beim ersten Angelusgebet nach der Wahl von Papst Franziskus hatte ich das Glück, unter all den vielen Menschen auf dem Petersplatz in Rom zu sein.

Damals sagte Papst Franziskus: „Es hat mir so gut getan, von der Barmherzigkeit zu hören ... Es ist das Beste, was wir hören können: Sie ändert die Welt. Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter. Es ist notwendig, diese Barmherzigkeit Gottes gut zu verstehen, dieses barmherzigen Vaters, der so viel Geduld hat“ (Angelusgebet, 17. März 2013). Diese Worte sind mir bis heute im Gedächtnis, und ich möchte gerne mitmachen beim Verändern dieser Welt - zumindest da, wo es mir möglich ist.

 

Mit diesem Frieden im Herzen wirst du alles überwinden

von Sebastian Schulz, Pastor am Dom (Oktober 2015)

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl: Vieles, was heute von mir verlangt wird, das ist eine Nummer zu groß für mich! – Und wenn der Morgen schon so beginnt, ist das kein guter Start in den Tag. Falls Sie dieses Gefühl auch kennen, dann möchte ich Sie jetzt mit Paul Josef Nardini bekannt machen. Persönlich können Sie ihn nicht kennen, denn er lebte bereits vor über 150 Jahren. Im Oktober 2006 wurde er seliggesprochen. Nardini kannte das oben beschriebene Gefühl auch, er hatte nämlich keine leichte Lebensaufgabe: Immer wieder hat er versucht, Kindern, die auf der Straße lebten, ein neues Zuhause zu schaffen. Dabei halfen ihm Frauen, die in die von ihm gegründete Schwesterngemeinschaft der „Armen Franziskanerinnen von der Hl. Familie“ eingetreten sind. Das war damals, als in Deutschland die Industrialisierung begann und demzufolge die Verwahrlosung der Arbeiterklasse immer stärker wurde. Seine Aufgabe war also keine Arbeit hinter dem Schreibtisch und auch keine Arbeit, die täglich nur Freude machte.

Als seine Mitarbeiterinnen, die Ordensschwestern, beklagten, dass diese Sozialarbeit doch eine Nummer zu groß für sie sei, da sagte er ihnen: „Und wenn die Tage noch so schwer und trüb und prüfungsreich wären, der Herr wird dich jeden Morgen grüßen mit seinem ‚Friede sei mit dir!‘. Mit diesem Frieden im Herzen wirst du alles überwinden.“

Ich stelle mir vor, Paul Josef Nardini hätte diesen Satz heute sinngemäß zu mir gesagt, heute Morgen, kurz nach dem Aufstehen: „Mach dich nicht verrückt, wenn du siehst, was heute alles auf dich zukommt. – Wenn du dir Gedanken darüber machst, ob du den Herausforderungen des Tages gewachsen bist. Sei sicher, in dem Moment, als du wach geworden bist, da hat Gott bereits zu dir gesagt: ,Der Friede sei mit dir!‘“ Und – jetzt noch einmal Originalton Nardini: „Mit diesem Frieden im Herzen wirst du alles überwinden.“

In der Bibel, im Psalm 18, steht es ähnlich: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Um was es dabei geht, wissen die meisten nur zu gut: Wenn zwei Menschen frisch verliebt sind, dann geht ihnen alles leichter von der Hand, weil sie wissen, der andere steht zu mir – Egal, was passiert, ich kann ihm vertrauen.

Im Vertrauen auf Gott kann es ähnlich sein. Gott sagt jeden Morgen zu mir: „Der Friede sei mit dir!“, noch bevor ich irgendetwas geleistet oder angestellt habe. Und wenn ich mich innerlich auch noch so ausgelaugt, schwach und unmotiviert fühle: „Der Friede sei mit dir!“ Selbst wenn ich mich nicht mehr im Spiegel sehen kann: „Der Friede sei mit dir!“ Das sagt Gott zu mir und jedem von uns jeden Morgen. Mit diesem Frieden im Herzen wirst du alles überwinden – oder wenigstens wird es dir leichter von der Hand gehen.